Zeitschriftenbericht »ORL-Stichwort:
Streubomben und Streumunitionen verbieten!«
in Ohne Rüstung Leben Informationen 121, 2. Quartal 2007


ORL-Stichwort
Streubomben und Streumunitionen verbieten!

Von Paul Russmann

Der Vertrag von Ottawa verbietet Anti-Personen-Minen bereits in über 150 Staaten. Doch manche Regierung scheint eine Antwort auf dieses Verbot gefunden zu haben: den massiven Einsatz von Streubomben. Streubomben wurden dazu entwickelt große Flächen zu treffen, indem sie viele kleine explosive Munitionsteile freisetzen. Diese Munitionen verletzten oder töten unterschiedslos Soldaten und Zivilisten und hinterlassen dadurch eine »tödliche Spur«.

Von Flugzeugen abgeworfen oder mit Raketen verstreut

Streubomben sind Bomben, die mit kleinen Streumunitionen gefüllt werden. Solche Bomben können bis zu mehrere hundert kleine Streumunitionen enthalten. Um sie über große Flächen zu verteilen werden die Streubomben von Flugzeugen abgeworfen, von Haubitzen abgefeuert oder mit Raketen verschossen. Die Streubomben sind dazu bestimmt, viele kleine Geschosse über einen großen Umkreis zu verteilen. Die enthaltene Streumunition wird manchmal auch als Submunition oder Bomblets bezeichnet. Die Streubomben können statt mit Streumunition (oder auch zusätzlich zur Streumunition) auch mit Minen bestückt werden. Das Prinzip ist einfach: Ein großer Container ist mit Bomblets gefüllt. Er öffnet sich, verteilt die Submunition und bildet so einen Explosionsteppich, der ein mehrere Hektar großes Gebiet abdecken kann. Die von Flugzeugen abgeworfenen Streubomben öffnen sich in einer festgelegten Höhe um ihre tödliche Fracht freizusetzen. Wird Streumunition mit Haubitzen oder Raketen verschossen, werden in kürzester Zeit und wahllos enorme Mengen an Munition über ein begrenztes Gebiet verteilt. So verstreut z.B. eine Salve des Raketenwerfers MLRS nahezu 8.000 Stück Streumunitionen über ein Gebiet von bis zu einem Quadratkilometer, was vergleichsweise einer Fläche von 150 Fußballfeldern entspricht. Um den Erfolg sicher zu stellen werden Ziele oft mehrmals beschossen, was zu größeren und sich überschneidenden verseuchten Gebieten führt.

Besonders hohe Blindgängerrate: Wirkung wie Minen!

Das Hauptproblem bei Submunition ist ihre besonders hohe Blindgängerrate. 5 bis 30 Prozent der Submunition explodiert nicht beim Aufschlag. Sie bleibt explosionsbereit liegen und kann jederzeit einen Menschen, der sich nähert oder die Munition berührt, verstümmeln oder töten. Damit wirken die Blindgänger der Streumunition im Prinzip gleich wie die geächteten Anti-Personen-Minen. Die Gründe dafür, dass ein so großer Teil der Submunition nicht explodiert, sind vielfältig:
- die Komplexität des Zündmechanismus
- Produktions- und Anwendungsfehler. Ein fehlerhafter Auswurf aus dem Container führt unweigerlich zum »Versagen« der Submunition
- die wirtschaftliche »Rentabilität« bei ihrer Herstellung (maximale Produktion zu minimalem Preis)
- der natürlicher Zerfall der Bestandteile während der Lagerung
- die klimatischen und Umgebungsbedingungen beim Abwurf: weicher Boden, Geäst, starker Wind, extreme Temperaturen.

Auch wenn diese Gründe das häufige Versagen erklären können, so beantworten sie doch nicht die entscheidende Frage: Warum verwendet man eine so ausfall- und störanfällige Waffe, die durch die hohe Fehlerquote zur extremen und langjährigen Bedrohung für die Zivilbevölkerung wird? Welcher General würde es akzeptieren, dass ein Drittel seiner Panzer unbrauchbar ist? Welcher Admiral würde einen Angriff starten, wenn ein Drittel seiner Schiffe defekt ist?

84 Prozent der Opfer sind männlich

Niemand kann genau sagen, wie viele Streumunitionen als Blindgänger noch herumliegen. Es ist auch kaum möglich zu bestimmen, wie viele Unfallopfer von Streumunitionen es gibt. In dem im Jahr 2006 von der Hilfsorganisation »Handicap International« herausgegebenen ersten weltweiten Bericht über die Opfer von Streumunition ist eine Zahl von mindestens 11.000 bestätigten Unfallopfern dokumentiert. Die tatsächliche Anzahl der Opfer in den 24 betroffenen Ländern wird auf ca. 100.000 geschätzt, denn die meisten Unfälle werden entweder gar nicht oder nicht in Bezug auf die verursachenden Waffen registriert. Jungen und Männer sind am stärksten betroffen: 84 Prozent der Unfallopfer sind männlich, davon 40 Prozent unter 18 Jahre alt. In den meisten Fällen werden diese Jungen verletzt oder getötet, während sie für den Lebensunterhalt ihrer Familien arbeiten, also Wasser holen, Holz sammeln oder Tiere hüten. Auch wenn die Datensammlung in vielen betroffenen Ländern noch sehr mangelhaft ist, was auch die Räumung und Opferhilfe deutlich beeinträchtigt, ist eines offensichtlich geworden: Die Blindgängerquoten, die bei Räumarbeiten festgestellt werden, sind immer deutlich höher als die Produzenten offiziell angeben. Selbstzerstörungsmechanismen, die verhindern sollen, dass die Munition noch lange Zeit explosionsbereit bleibt, funktionieren regelmäßig nicht.

Streumunition als Mittel moderner Kriegsführung

Streumunitionen wurden während des Zweiten Weltkrieges entwickelt und zum ersten Mal von Russland bzw. Deutschland verwendet. Als ein Mittel moderner Kriegsführung kamen sie erstmals in Südostasien zwischen 1964 und 1973 zum Einsatz. Seitdem haben die westlichen Nationen nicht aufgehört, Streubomben einzusetzen: der Golfkrieg (1991), der Kosovokrieg (1999), der Angriff auf Afghanistan (2001-2002), der Irakkrieg (2003) sowie die Bombardierung des Libanon im Jahr 2006 waren weitere Anlässe für den Einsatz von Millionen Streumunitionen.

Seit dem Libanonkrieg sind einige Staaten bereit, über ein Verbot von Streubomben und Streumunition zu reden. Deutschland will ein Streumunitionsverbot jedoch auf Munition mit einer Blindgängerquote von über einem Prozent begrenzen. Eine solche Quote von einem Prozent ist bisher technisch nicht erreichbar. Sie würde in einem Fall wie dem Libanon, wo drei bis vier Millionen Stück Streumunition abgeworfen wurden, immer noch 30.000 bis 40.000 Blindgänger als zulässig betrachten. Das wären immer noch möglicherweise 30.000 bis 40.000 tote oder verstümmelte Zivilisten - und das zusätzlich zu den direkten Opfern während der Bombardierung!

Streubomben und Streumunitionen verbieten!

Die Kampagne gegen Rüstungsexport bei Ohne Rüstung Leben setzt sich für ein vollständiges Verbot von Minen, Streubomben und Streumunition ein. Aktuell beteiligen wir uns an der bis November 2007 laufenden Aktion »Eine Million Unterschriften für ein Verbot aller Landminen«. Darüber hinaus unterstützen wir zur Zeit mit der Aktion »Wir kaufen keinen Mercedes - Boykottiert Streumunition« die Bemühungen von internationalen Organisationen für ein Verbot aller Arten von Streumunitionen und Streubomben.

Wenn Sie unsere Aktionen unterstützen wollen, fordern Sie weitere Materialien bei uns an: Ohne Rüstung Leben, Arndtstraße 31, 70197 Stuttgart, Telefon 0711 608396, Telefax 0711 608357, E-Mail orl-info@gaia.de

Spendenkonto
Ohne Rüstung Leben, Kto.Nr. 111 833-700
Postbank Stuttgart, BLZ 600 100 70
Stichwort: »Streumunition verbieten«

Redaktion: Paul Russmann, April 2007

Weitere Infos: www.handicap-international.de, www.streubomben.de oder www.landmine.de.

Die Kampagne gegen Rüstungsexport bei Ohne Rüstung Leben wird vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) finanziell gefördert.

Die Ohne Rüstung Leben-Stichworte sind Kurzbeiträge oder Diskussionsbeiträge zu aktuellen friedenspolitischen Themen.
Bezug: Ohne Rüstung Leben, Arndtstraße 31, 70197 Stuttgart, Telefon 0711 608396, Fax 0711 608357, orl-info@gaia.de

Die Zahlen

24: Anzahl der durch das Vorkommen von Streumunition betroffenen Länder, darunter Afghanistan, Albanien, Äthiopien, Irak (zwei Millionen Stück Streumunition wurden 2003 abgeworfen), Kosovo, Laos, Tschetschenien, Vietnam.

32: Anzahl der Staaten, die Streumunition herstellen, darunter China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Iran, Israel, Nordkorea, Russland, Schweiz, Türkei, USA.

Mehr als 70: Anzahl der Staaten, die Streumunition besitzen, darunter Algerien, Bosnien-Herzegowina, China, Deutschland, Griechenland, Japan, Pakistan, Russland, Südafrika, USA (1 Milliarde Submunitionen im Arsenal).

12: Anzahl der Staaten, von denen bekannt ist, dass sie Submunition exportieren oder exportiert haben: Ägypten, Brasilien, Chile, Deutschland, Großbritannien, Israel, Jugoslawien, Russland, USA