
Von Ulrich Ladurner
Der Krieg ist eine mordende Bestie und ein Verführer der Menschen. Im Sommer 2006 kam er in das Dorf Al Bazourieh im Süden des Libanons. Die israelische Armee ließ Millionen Streubomben auf das Land fallen. Noch Jahre nach dem Angriff zerstören sie Ernten und töten Mensch und Tier
Der österreichische Schriftsteller Peter Menasse wird der Nachwelt weniger wegen seiner literarischen Leistungen in Erinnerung bleiben als wegen seiner pornografisch zur Schau gestellten Lust am Krieg. Im August 2006 schrieb er in der Süddeutschen Zeitung: »Jetzt sitze ich vor dem Fernseher, will Bomben sehen, noch mehr Bomben, so viele Bomben, bis die Hisbollah ausradiert ist und alle Vernichter vernichtet sind.« Als Menasse das schrieb, ging der Krieg der israelischen Armee gegen den Libanon in die dritte Woche. Bomben, darüber hätte sich Menasse nicht beklagen müssen, sind auf den Libanon schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Artikels zur Genüge gefallen. Als der Krieg nach 33 Tagen zu Ende ging, waren es mehrere Millionen Stück. Millionen? Millionen.
Der bombenvernarrte Schreiber aus Österreich hat vor dem Fernseher durchaus ein wenig mitzählen können. Immer wenn eine Rakete aus einem Multiple Launch Rocket System (MLRS) in Richtung Libanon abgefeuert wurde, fielen wenige Sekunden später 644 Streubomben auf die Erde nieder – so viele enthält eine Rakete. Ein Offizier der israelischen Armee verriet, dass insgesamt 1800 Raketen abgefeuert worden seien. Das macht 1.159.200 Streubomben. Zusätzlich flogen Tausende Artilleriegranaten und Fliegerbomben auf den Libanon – eine Artilleriegranate trägt in der Regel 88 Streubomben in ihrem stählernen Mantel, eine Fliegerbombe 650 Stück. Ein todbringender Regen ging auf den Süden des Libanons nieder.
Streubomben sind klein und unscheinbar, manche sind etwas größer als ein Tennisball, andere haben Form und Größe einer Getränkedose. Wie für Waffen üblich, tragen sie Abkürzungen und Zahlenreihen als Namen, BLU63, BLU26, BLU61, M85, MZD2. Diese Dinger mit anonymen Namen dringen bis in die privaten Bereiche des Menschen ein. Fotos, die libanesische Behörden aufgenommen haben, zeigen die Streubomben in Wohnzimmern, in Schlafzimmerbetten, in Badezimmern, in Mülleimern, auf Dächern, in Olivenbäumen hängend, in Bananenstauden verkeilt – stählerne Früchte, vom Himmel gefallen.
Die Möglichkeit, eines Tages im Bett des eigenen Kindes ein hoch gefährliches Ding namens M85 zu finden oder im Waschbecken eine BLU63, symbolisiert den modernen Krieg. Er macht nicht nur keinen Unterschied zwischen Zivilisten und Soldaten, vielmehr will er sogar die Bevölkerung terrorisieren.
Der Krieg ist eine Bestie, die ihre Gestalt im Lauf der Geschichte häufig gewandelt hat. Es gibt die Kabinettskriege des 18. Jahrhunderts, die im Vergleich zu den industriellen Kriegen des 20. Jahrhunderts geradezu harmlos erscheinen; es gibt Guerillakriege, Interventionskriege, Befreiungskriege, ja sogar Fußballkriege. In Zukunft gibt es vielleicht Kriege, die sich per Computer führen lassen und in denen menschliche Opfer nur mehr als Statistiken erscheinen. So viele Spielarten des Krieges existieren, so vielfältig sind auch die Versuche, ihn einzudämmen. Die Geschichte des Völkerrechts lässt sich lesen als ein einziger großer Versuch, Kriege zu verhindern, sie gar obsolet zu machen. Doch die Grundeigenschaft der Bestie hat sich nie geändert. Sie hält sich an keine Regeln, folgt nur ihrer Gier nach Vernichtung. Sie will jedes Gesetz brechen und die Zäune niederreißen, die man errichtet hat, um sie einzusperren.
»Der erste Japaner, auf den ich schoss, war ein kleiner, mondgesichtiger Mann«
Wenn ein Krieg ausbricht, begleitet ihn unvermeidlich die Brutalisierung. Welch schmutziges Geschäft das Töten eines Menschen ist, hat William Manchester in seinen Memoiren über den Zweiten Weltkrieg im Pazifik aufgeschrieben. »Der erste Japaner, auf den ich schoss, war ein kleiner, mondgesichtiger, dicklicher Mann. (…) Er hatte mich kommen hören. Als er sich umdrehte, verfing sich sein Gewehrriemen in einem Strauch. Er konnte sich nicht mehr verteidigen. Seine Augen begannen in Panik hin und her zu rollen. Er bewegte sich seitwärts, wie ein Krebs. Mein erster Schuss verfehlte ihn, mein zweiter aber traf ihn ins Bein. Sein linker Oberschenkel begann sich rot zu färben und wurde zu einer Art Brei. Dann kam eine Welle Blut aus der Wunde. (…) Stumm schaute er nach unten. Er berührte die Wunde mit der Hand und schmierte sich dann Blut über die Wange. Seine Schultern zuckten, als hätte ihm jemand auf den Rücken geschlagen; und dann kam aus ihm ein unglaublicher, krächzender Furz, er knickte ein und starb. Ich schoss weiter auf ihn und verschwendete damit Eigentum der Regierung.«
Als wollte er zeigen, dass der Krieg nicht aufhört, selbst wenn man sein Ende herbeiwünscht, kann auch William Manchester mit seiner Schilderung nicht mehr innehalten: »Seine Augen waren weit aufgerissen. Eine Fliege setzte sich auf seinen linken Augapfel. Bald kam eine zweite dazu. Ich weiß nicht, wie lange ich so stehen blieb, auf ihn starrend. Ich wusste von vorhergehenden Kämpfen, was den Körper erwartete. Er würde anschwellen, sich dann aufblähen, und die Uniform platzte auf. Das Gesicht würde sich zuerst rot, purpurrot, grün und schließlich schwarz verfärben. (…) Ich begann zu zittern, am ganzen Körper schüttelte es mich. Ich schluchzte mit einer Stimme, die von der Angst ganz körnig war: ›Es tut mir leid!‹ Dann übergab ich mich, ich war über und über mit meinem eigenen Erbrochenen beschmutzt. (…) Neben dem Geruch nach Erbrochenem nahm ich gleichzeitig noch einen anderen Geruch wahr: Ich hatte in die Hosen gepisst. (…) Ein Kamerad kam auf mich zu und trat dann mit einem Ausdruck des Abscheus zurück. Er sagte: ›Slim, du stinkst!‹ Ich sagte nichts. Ich wusste, dass ich ein zuckendes Ding geworden war, gemacht aus Tränen und schmutzigen Hosen.«
So ist der Krieg, und da dies unerträglich ist, muss in der Regel ein sehr großer Aufwand betrieben werden, um den Menschen zu erklären, warum sie ihn führen sollten. Politikwissenschaftler würden sagen: Krieg hat ein sehr hohes Legitimationsbedürfnis. Darum wird Krieg auch immer im Namen hehrer Werte geführt, meist geschieht es im Namen der Freiheit. Kein Politiker könnte sagen: »Wir überfallen dieses Land, rauben seine Bodenschätze und bereichern uns!«, oder: »Wir werfen Bomben über diesem Land ab, damit die Leute zu Hause wissen, dass wir keine Weicheier sind!« Nein, das ginge nicht. Krieg wird immer verbrämt, und seine wirklichen Ursachen müssen meist im Verborgenen bleiben. Es geht dabei um den Zugang zu Ressourcen, um Hegemoniestreben, um die Durchsetzung religiöser Vorstellungen, um die Öffnung von Märkten, um die Eliminierung eines Konkurrenten – um all diese Trivialitäten geht es bei Kriegen, doch darf es nicht ausgesprochen werden, weil der Mythos des Krieges zerbrechen, weil sonst der Blick frei werden könnte auf das, was er ist: organisiertes, massenhaftes Töten.
Gleichzeitig ist er ein Sinnstifter und damit ein großer Verführer der Menschen. Darauf hat der langjährige Kriegskorrespondent Chris Hedges hingewiesen: »Trotz der Vernichtung und des Schlachtens gibt der Krieg uns, wonach wir uns am meisten in unserem Leben sehnen. Er kann uns eine Aufgabe geben, einen Sinn, einen Grund zum Leben. Nur inmitten des Kampfes werden wir uns der Oberflächlichkeit und Fadheit unseres Lebens bewusst. (…) Krieg ist ein verlockendes Elixier. Er gibt uns Entschlossenheit, eine Mission. Er erlaubt uns, edel zu sein. Das erklärt die andauernde Attraktivität des Krieges.«
Jeder ist in Gefahr, verführt zu werden, hingerissen von dem vermeintlich reinigenden Gewitter des Krieges. Dahinter steckt auch die Sehnsucht nach einer höheren Gewalt, die Ordnung schafft in dieser Welt und uns einen Platz zuweist. Krieg ist die selbst gewollte Entmündigung des Menschen. Er erfüllt seinen brennenden Wunsch, in etwas aufzugehen, was größer ist als er selbst, in der Nation, der Religion, dem Volk. Krieg, das ist die Kapitulation des Menschen als Individuum.
Während Streubomben auf den Süden des Libanons fielen, feuerte die libanesische Hisbollah Raketen auf Städte im Norden Israels. Da es ihr nicht möglich ist, den Gegner Israel militärisch zu besiegen, war das Ziel der Raketen, Schrecken unter den Zivilisten zu verbreiten. Beide Parteien taten dies im Namen der Selbstverteidigung. Dabei ging es um Terror, auf beiden Seiten der Front. Streubomben verbreiten unter den Zivilisten einen besonderen Schrecken, denn sie können nicht nur überall sein, sondern sie wirken auch noch Jahre weiter.
Wollte man Waffen menschliche Charaktereigenschaften zuschreiben, müsste man die Streubombe wohl »gemein« nennen. Das ist auch der Grund dafür, dass es jetzt gelungen ist, diese Bomben zu bannen. Mehr als 100 Staaten haben sich vor Kurzem darauf geeinigt, die Anwendung von Streumunition ebenso zu unterlassen wie deren Entwicklung, Weitergabe, Lagerung oder sonstige Verwendung. Innerhalb von acht Jahren sollen diese gefährlichen Waffen weltweit aus den Arsenalen der Streitkräfte, auch der Bundeswehr, verschwinden. Allerdings haben wichtige Staaten, die gleichzeitig zu den größten Produzenten gehören, nicht unterschrieben, darunter die USA, Russland, China, Israel, Indien, Pakistan. Sie wollen weiter auf diese »gemeine« Waffe setzen.
Frank Masche widerspricht solcher Vermenschlichung einer Waffe: »Was heißt schon gemein?!« Waffen erfüllten gewisse, ihnen zugeschriebene Funktionen. Menschen erfinden sie, um bestimmte Ziele damit zu erreichen.« Masche gibt sich betont nüchtern, Sentimentalitäten kann er sich als Kampfmittelräumer nicht leisten. Er kann Waffen in ihre Einzelteile zerlegen, Bomben entschärfen, Munition unschädlich machen. Dafür braucht er Erfahrung, Sachverstand und ein Höchstmaß an Konzentration. Präzision ist gefragt, nicht Sentimentalität. Das hört sich bei Masche so an: »Die Streubombe ist eine Mehrzweckmunition. Sie enthält rund 30 Gramm Sprengstoff, der in einem Kegel steckt. Sie gibt einen gezielten Strahl ab, der 70 bis 100 Millimeter Stahl durchschlagen kann. Gleichzeitig zerlegt sich die Bombe in Splitter, in einem Umkreis von drei bis sieben Metern ist sie für Menschen tödlich.«
Als Jamil Gaffal eine Stange hervorzog, kullerte eine Streubombe zu Boden
Masche sitzt in einem Café der südlibanesischen Hafenstadt Tyrus. Der Blick geht auf das Meer, das in schäumenden Wellen auf die Küste zurollt. Es regnet. Wind fegt über die Küstenstraße. Masche schaut in den verhangenen Tag und leistet sich nun doch ein paar Gedanken, die über das rein Technische der Waffen hinausgeht. Er spricht von den Menschen, die er darüber aufklärt, was eine Streubombe ist und was sie alles anrichten kann. »Wir hatten den Fall eines Jungen, der eine Streubombe im Rucksack mit in die Schule genommen hatte. ›Mein Onkel hat gesagt, das sei ungefährlich‹, meinte der Junge!« Masche schüttelt den Kopf, doch nur sehr kurz. Es liegt ihm nicht, sich über die zu erheben, die seit 20, 30 Jahren im Krieg leben.
Masche arbeitet seit eineinhalb Jahren im Libanon für die Mine Advisory Group (MAG) einer Organisation, die nach Kriegen das Gröbste wegräumt, um den Menschen ein halbwegs normales und einigermaßen gefahrloses Leben zu ermöglichen. Die MAG beginnt mit der unmittelbarsten Umgebung des Menschen: Wohnung, Haus, Garten, Geschäfte, Straßen, Krankenhäuser. Wenn diese Bereiche einmal frei sind, geht es zur nächsten Phase, den Aufräumarbeiten in den intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen, und schließlich geht es an das Weideland, doch es kann Jahre dauern, bis es dazu kommt. Manche Weideflächen werden nie vollständig geräumt werden, und immer wieder wird eine Detonation zu hören sein. Ein Hirte, ein Feldarbeiter, ein Wanderer, ein Kind oder ein Schaf wird dann auf eine Streubombe getreten sein. Die Menschen werden darüber reden, und der Schrecken des Krieges wird ihnen beängstigend auf den Leib rücken, ihnen Angstträume bescheren, Schweißausbrüche und Krämpfe im Herzen. Streubomben schränken, wenn sie einmal gefallen sind, das Leben der Betroffenen ein, indem sie ihnen buchstäblich Raum zum Leben wegnehmen. Der Feind ist zwar abgezogen, aber er hält das Territorium mit diesen kleinen, bösen Dingern weiter besetzt.
Mehr als eineinhalb Jahre nach den Kriegen ist es der MAG und einer Reihe anderer ähnlicher Organisationen gelungen, den engsten Lebensraum der Menschen so weit wiederherzustellen, dass er bewohnt werden kann. Masche arbeitet jetzt vor allem in den Feldern rund um Tyrus. Nach dem Beschuss des Südlibanons ist es zu großen Ernteausfällen gekommen, weil die Arbeiter nicht auf die Felder gehen konnten. 40 Prozent der Oliven konnten nicht eingebracht werden, 35 Prozent der Zitrusfrüchte, 15 Prozent des Weizens und 15 Prozent des Tabaks. Insgesamt schätzt die Regierung nach dem Ende des Krieges den Verlust durch Ernteausfall auf 350 Millionen Dollar.
Am heutigen Tag fährt Masche zu seinem Team, das in einem Zitronenhain, nicht weit von der Stadt entfernt, mit Räumen beschäftigt ist. Auf Knien kriechend, arbeiten sich Masches Männer Zentimeter für Zentimeter voran. Nichts darf übersehen werden. Ein kleiner Fehler kann einem Menschen das Leben kosten. Die Aufgabe ist schwer, weil sie sich immer anders stellt. Wenn es stark regnet, wenn die Felder unter Wasser stehen oder es gar zu Überschwemmungen kommt, wandern die Streubomben mit dem Wasser mit. Dann müssen die Minenräumer ihre Arbeitsgeräte neu justieren, immer auf der Spur des metallischen Teufelszeugs.
Den Erfindern von Streubomben ging es darum, mit wenig Aufwand möglichst viel Raum unter zerstörerisches Feuer zu nehmen. Eine Rakete, die mit Streubomben gefüllt ist, kann die Fläche in der Größe eines Fußballfeldes eindecken. Streubomben sind keine Minen, das ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Streubomben sollen nämlich explodieren, wenn sie auf dem Boden aufschlagen. Sie sind als sehr effiziente Waffe gegen feindliche Truppenkonzentrationen gedacht sowie gegen Panzer und gepanzerte Einheiten. Das Problem ist, dass die Fehlerquote relativ hoch ist, zwischen 10 und 35 Prozent explodieren nicht.
Warum die israelische Armee so viele Streubomben abgeworfen hat, bleibt vielen ein Rätsel. Die Tatsache, dass sie die große Mehrheit der Bomben drei Tage vor Ende des Krieges abfeuerte, zu einem Zeitpunkt, als der Waffenstillstand schon vereinbart war, ist aus militärischen Gründen nicht zu erklären. Viele Experten im Libanon vermuten, dass die israelische Armee den schon zu Ende gehenden Krieg nutzte, um ihre alten, in den siebziger Jahren hergestellten Bestände günstig loszuwerden – der Süden des Libanons als Müllhalde für explosives Material. Beweise für diese These gibt es nicht, denn die israelische Armee gibt keinerlei Erklärungen für ihr Verhalten ab. »Wir haben die Israelis immer wieder um Informationen gebeten«, sagt Dalya Farran von der UN-Mission Libanon, »aber sie kooperieren nicht!« Sie geben auch keinerlei Auskünfte darüber ab, wo sie die Streubomben abgeworfen haben. »Das würde uns die Arbeit ganz wesentlich erleichtern«, sagt Farran. So aber müssen die Minenräumer erst durch ihre Funde vor Ort rekonstruieren, wie die Streubomben auf dem Gelände verteilt sind. Und das erhöht möglicherweise die Fehlerquote bei der Suche.
In dem Dorf Al Bazourieh blieb mindestens eine Streubombe unbeachtet. Sie lag auf einer Baustelle zwischen Eisenstangen, farblich kaum zu unterscheiden. Als der Arbeiter Jamil Gaffal eine dieser Stangen hervorzog, kullerte eine Streubombe zu Boden und explodierte. Ein Splitter drang in den Kopf des Arbeiters. Seine Kollegen brachten ihn eiligst in das acht Kilometer entfernte Krankenhaus, wo er trotz einer Notoperation ein paar Stunden später starb. Jetzt hängt sein Bild über einem Türrahmen in seinem Haus.
Frische Farbe, glatte Fußböden – alles wirkt wie ein Statement gegen den Krieg
Jamil hinterließ eine Frau, zwei Kinder und eine unverheiratete Schwester, die an ihm hing wie an keinem anderen Menschen. »Wir waren neun Kinder zu Hause. Da unsere Mutter früh gestorben ist, haben wir uns immer gegenseitig gestützt. Wir sind als Kinder zusammengewachsen. Ich und Jamil hatten ein besonders enges Verhältnis.« Dann weint sie, wie sie immer wieder weinen wird an diesem strahlenden, sonnigen Nachmittag in Al Bazourieh.
Jamils Frau Laila hingegen bleibt sehr gefasst. Sie erzählt noch einmal, wie alles geschehen ist, wie sie entfernt den Knall gehört hat, wie sie gar nicht daran dachte, dass ihr Mann vielleicht Opfer einer Streubombe geworden sein könnte. Wie hätte sie auf solch einen Gedanken auch kommen können – hatten sie nicht diesen letzten Krieg überlebt? Die Familie Gaffal floh, wie Hunderttausende andere Libanesen, im Sommer 2006 vor der heranrückenden israelischen Armee. Sie suchten Schutz vor den feuerspeienden Raketenwerfern, dem ohrenbetäubenden Lärm der Kampfbomber, der stahlspuckenden Artillerie. Sie machten sich damals auf in Richtung Küste, nach Tyrus, oder sie schleppten sich bis in die Hauptstadt Beirut. Nur weg von Al Bazourieh, weg von diesem Ort, der den Zorn Israels zu spüren bekam.
Al Bazourieh ist wie die meisten anderen Orte im Süden des Libanons eine Hochburg der Hisbollah, der schiitischen Partei Gottes mit engsten Beziehungen zur Islamischen Republik Iran. Die Straßen sind gesäumt mit Bildern des Hisbollah-Führers Scheich Nasrallah, und an jeder Ecke springt Passanten das düstere Gesicht des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini ins Auge. Wo es noch Lücken gibt, da ist Ali Chameini zu sehen, der gegenwärtige Führer Irans, oder das Bild eines Hisbollah-Milizionärs, der im Kampf gegen Israel heldenhaft gestorben ist.
Für die israelische Armee war Al Bazourieh ein logisches, ein einfaches Ziel. Im Rathaus hängt wandgroß eine ältere Luftaufnahme, die den Ort in allen Details zeigt: Fußballfeld, Moschee, Hauptplatz, Straßen, Felder, Bäume, Felsen. Durch die Fenster hat man einen traumhaften Panoramablick auf die Küste, das Meer und die Berge. Das Rathaus ist nach dem Krieg mit Hilfe einer italienischen Partnergemeinde neu erbaut worden. In den Räumen riecht es nach frischer Farbe, die Fußböden sind glatt, und die Bücher in der Bibliothek warten auf die ersten Leser. Das alles wirkt wie ein Statement gegen den Krieg: Al Bazourieh lebt.
Nach dem Tod des Arbeiters Jamil Gaffal bekam seine Witwe Laila von einer italienischen Hilfsorganisation Geld, damit sie einen Laden eröffnen konnte. Sie räumte im Erdgeschoss ihres Hauses ein Zimmer frei, baute Regale auf und stellte sie mit Waren voll, von denen sie annimmt, dass die Leute sie brauchen: Waschmittel, Seife, Bürsten, Kekse, Schokolade, Bonbons. Viel verkauft Laila nicht, denn die meisten Nachbarn fahren nach Tyros, um einzukaufen, in die großen, billigeren Supermärkte. Manchmal kommt doch ein Kunde aus dem Ort, mehr vom Mitgefühl denn vom Warenangebot getrieben, und kauft Kleinigkeiten. Es sind die Kinder, die am häufigsten in den Laden kommen und sich Bonbons holen. Wenn Laila Gaffal die paar Münzen in die Kasse fallen lässt, ist ein kurzer metallischer Klang zu hören. Dann ist es sehr einsam im Laden. Es ist die Einsamkeit, die der Krieg gebracht hat.
Literatur:
Thukydides: Der Peloponnesische Krieg
Artemis & Winkler 2002; 648 S., 29,90 €
Chris Hedges: War Is a Force That Gives Us Meaning
Anchor 2003; 224 S., 13,95 US-$
John Keegan: Die Kultur des Krieges
Rowohlt 1997; 592 S., 14,95 €
Mark Kurlansky: Nonviolence
The History of a Dangerous Idea; Random House 2008; 224 S., 14 US-$